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Die Predigt zur Konfirmandenbeichte vom 18. April 1998:
»Wohin mit dem Unkraut?«


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Kirchenjahr

Am Tag vor der Konfirmation wird die traditionelle Konfirmandenbeichte begangen. Wer sie ernst nimmt, kann eine Phase seines Lebens abschließen, um mit der Konfirmation in eine neue einzutreten. Als Predigttext habe ich Matthäus 13,24-30 ausgesucht:

Predigttext

24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, daß wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein! damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30 Laßt beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.

Predigt

"Werde ich dann vielleicht nicht konfirmiert?" Diese Frage haben mir ein paar von Euch Konfirmanden in der vergangenen Zeit immer wieder einmal gestellt:
"Werde ich dann vielleicht nicht konfirmiert?" So haben z.B. die gefragt, die ich zwischendurch einmal rausgeworfen habe, weil sie in der Konfirmandenstunde die anderen rücksichtslos gestört haben oder sich in der Kirche aufgeführt haben als wüßten sie nicht, wo sie sich befin- den.
"Werde ich dann vielleicht nicht konfirmiert?" So haben die gefragt, die zu faul oder zu bequem waren, sich rechtzeitig genug mit den wenigen Lernstücken zu beschäftigen. Was nun zur Folge hat, daß ein paar bis heute noch nicht alles gelernt haben, bzw. daß so gelernt haben, daß es einen Tag später schon wieder weg war. Wenn zur Konfirmation gehören würde, daß ein jeder sein Glaubensbekenntnis allein aufsagen muß... Was das zur Folge hätte, habt Ihr ja gestern gemerkt!
"Werde ich dann vielleicht nicht konfirmiert?" So haben auch die gefragt, die mir ganz freimütig und frech gesagt haben, daß sie an Gott und der Kirche letztlich kein Interesse haben, und nur die Hoffnung auf die Geschenke sie bei der Stange hält.

Warum werde ich nun trotz allem jeden, der morgen da ist, auch konfirmieren? Warum wird niemand zurückgestellt, wie es das ja in der Geschichte unserer Kirchengemeinde auch schon gegeben hat? Das hat äußere Gründe, aber auch einen inneren Grund:

Ein äußerer Grund liegt darin, daß Ihr ganz einfach in einer trotzigen Lebensphase seid, in einer Phase des Lebens, wo Ihr die Antworten anderer, ob sie nun Eltern, Lehrer oder Pfarrer heißen, erst einmal nicht hören wollte oder könnt. Ihr seid auch in einem Alter, wo man vor seinen Freunden eine bestimmte Rolle spielen muß und sich keine Blöße geben darf. So sind manche von Euch in der Gruppe nicht auszuhalten, im Gespräch unter vier Augen aber durchaus zugänglich.

Ein weiterer äußerer Grund, weswegen niemand rausgeworfen wurde, ist, daß man letztlich doch wieder nur die Falschen bestrafen würde: Es liegt auch an mir und meiner Person, daß ich zu manchen von Euch ganz einfach nicht den richtigen Draht gefunden habe. Vielleicht hätte ein anderer Euch ganz anders für Gott und seine Kirche begeistern können. Und es liegt im Einzelfall auch an Euren Eltern, von denen manche nur ein mäßiges Interesse an Eurer Konfirmandenzeit gezeigt haben.

Zu diesen äußeren Gründen kommen wiederum auch innere, geistliche Gründe: Ich habe niemand rausgeworfen, weil ich das Gefühl habe, ich hätte damit eine Entscheidung getroffen, zu der ich letztlich vor Gott nicht berechtigt bin: Wer von uns wollte es wagen, einem anderen ins Herz zu schauen, festzustellen und dann auch öffentlich festzuklopfen, wie es wirklich mit der inneren Einstellung des einen oder anderen bestellt ist. Wer von uns wollte es wagen, Spreu und Weizen fein säuberlich voneinander zu trennen? Eine biblische Geschichte hat mich dazu gebracht, Geduld zu bewahren, keine vorschnellen Trennungslinien zu ziehen, keine voreiligen Entscheidungen zu treffen: das Gleichnis, das Jesus von Nazareth seinen Jüngern vom Unkraut unter dem Weizen erzählt hat:

Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, daß wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein! damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Laßt beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune. (Matthäus 13,24-30)

Ein Bild aus Landwirtschaft. Gerne hat Jesus einfach Bilder aus dem damaligen Alltag der Menschen verwendet, um ihnen kompliziertere geistliche Dinge zu erklären.
So ist es: Rüben und Kartoffeln kann man, ja muß man hacken, um das Unkraut, das sie überwuchern würde, zu entfernen. Doch wer durch ein Getreidefeld trampeln wollte, um das Unkraut herauszureißen, würde letztlich mehr kaputt machen.
Weizen und Unkraut, Gutes und Schlechtes, Gewolltes und Ungewolltes wachsen in unserem Leben eng, ja zu eng nebeneinander, als daß man immer sauber trennen könnte. Auf das Leben in der Kirche, speziell auf den Konfirmandenunterricht übertragen: Wir als Pfarrer Kirchenvorsteher und Mitarbeiter, und auch die unter den Eltern, denen der Glaube und die Weitergabe des Glaubens am Herzen liegen, wir alle haben uns nach Kräften bemüht in diesem vergangenen Dreivierteljahr, bei Euch als Konfirmanden etwas auf den Weg zu bringen, etwas zu säen, was bei Euch Frucht bringen soll. Oder um es biblisch genau zu nehmen: Gott selber ist der Säende in diesem Gleichnis, der Hausvater. Gott selber wollte bei Euch etwas bewirken in dieser zurückliegenden Zeit, wollte sich Euch verständlich machen, hat bei Euch angeklopft. Und wir Menschen sind nur seine Helfershelfer, seine Boten und Zeugen - so recht und schlecht, wie wir können. Gott will bei Euch etwas erreichen: Ihr sollt nicht zu Anhängern eines bestimmten Pfarrers werden, sondern Anhänger Gottes. Aber wie das eben so ist auf der Welt mit menschlichen Bemühungen: Es ging nicht immer so, wie wir dachten und wie wir uns bemühten.
Wir haben Früchte ernten können. Ich freue mich, daß elf von Euch sich bereiterklärt haben, nach der Konfirmation in unserer Gemeinde mitzuarbeiten. Doch neben den Früchten ist auch Unkraut aufgegangen. Oder es gibt Früchte, die nach außen runzlig und unansehnlich sind, aber im Kern sehr gut, und es gibt welche, die nach außen hin schön anzusehen, doch innerlich faul sind. So ist das Leben. So ist es mit den menschlichen Bemühungen.
Woher kommt es, das Faule und das Unkraut? Im Gleichnis heißt es verschlüsselt: Ein Feind des Hausvaters war es, ein Feind Gottes, ein Feind des Lebens. Wer ist damit gemeint? Der Teufel als Gegner Gottes und des Lebens, für den sich manche unter Euch interessieren und nachts ihre Spielchen treiben? Der menschliche Egoismus, der Drang nach Freiheit und Ungebundenheit. Die gesellschaftlichen und familiären Umstände? Wie auch immer: Das Unkraut gehört zum Leben. Mißlingen und Widerstand sind Teile der Konfir- mandenzeit.
Was wäre nach dem Gleichnis das Einfachste gewesen: Das Unkraut entfernen. Die unter den Konfirmanden, die stören und kein Interesse haben, wegschicken. Weitermachen mit denen die wirklich wollen. Solche Stimmen gab es manchmal.
Nein, sagt der Hausvater im Gleichnis, nein, sagt Jesus, der ein Freund des Lebens und nicht unbedingt ein Freund voreiliger Lösungen war. Nach außen hin mag das einfach und klar sein: die Falschen raus, die Richtigen drin lassen. Doch was ist falsch und was ist richtig? Und wer weiß, wieviel Gutes ihr letztlich erwischt, wenn ihr Schlechtes loswerden wollt? Habt Geduld. Wartet bis zur Ernte.
Ernte - das ist bei Jesus nichts anderes als das Bild für das Gericht, das allein Gott zusteht. Ernte - das ist, wenn ein Mensch am Ende seines Lebens und auch zwischendurch mit heruntergelassenen Hosen unter vier Augen vor Gott, seinem Schöpfer, steht. Er allein ist es, der einem Menschen ins Herz schauen kann. Er ist es, vor dem wir uns nicht verstecken können und auch nicht zu verstecken brauchen. Weil also Gott allein weiß, wie es wirklich um Euch steht, und was in Euch steckt, können wir Euch morgen getrost konfirmieren und unsere Bedenken, wo wir sie haben, auf die Seite stellen.

Zwei Bitten aber zum Schluß: Wer von Euch nach einer reiflichen Selbstprüfung zum Ergebnis kommt, daß sein ja zu Gott und der Kirche zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ernst ist, der sollte dieses "Ja, mit Gottes Hilfe" morgen lieber nicht mitsprechen.
Und die andere Bitte: Habt die Geduld, die Gott mit Euch hat, und die die Gemeinde manchmal schweren Herzens mit Euch hatte, - habt diese Geduld auch mit Euch selbst: Vertraut darauf, daß über Euren Glauben und über Euer Verhältnis zu Gott noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Vertraut darauf, daß was Ihr jetzt noch nicht glauben könnt, Euch später noch klarer werden kann. Glaube kann und will wachsen und er wird auch wachsen, wenn Ihr nur wollt. Aber: Seid ehrlich zu Euch selbst und vor Gott. Macht Euch nichts vor und macht ihm nichts vor. Es gibt Gelegenheiten im Leben, wo es um die Wurst geht. Vielleicht ist heute nachmittag so eine und morgen auch.

"Hilf, Herr meines Lebens, daß ich nicht vergebens hier auf Erden bin. Hilf, Herr meines Lebens, daß ich dort nicht fehle, wo ich nötig bin." Amen


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Michael Thein Pfarrer Kaulbachstraße 2b 95447 Bayreuth Tel. 0921-65378 Fax 03222-2426857

mic.thein@t-online.de www.michael-thein.de