Predigt |
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Eine bekannte Geschichte
Es gibt biblische Geschichten, die ein jeder kennt. Sie gehören zur
Allgemeinbildung. So geht es auch mit der folgenden. Man muß nicht als
Christ aufgewachsen sein, man muß die Bibel nicht weiter kennen, und sagt
doch gleich aha:
Eine Schlange verführt eine Frau. Die Frau verführt den Mann.
Die Sache geht schief. Das Paradies ist verloren. Einzelne bekannte Sätze
kommen hinzu: "Ihr werdet sein wie Gott." Oder: "Im Schweiße
deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest,
davon du genommen bist."
Bei vielen Menschen stellen sich in Gedanken Bilder ein: Zwei nackte
Menschen sitzen oder stehen friedlich unter einem prächtigen Baum. Pralle
Formen hat die Frau, vielleicht einen Apfel in der Hand. Und um den Stamm des
Baumes herum windet sich eine Schlange, die sich den beiden zuwendet.
Wahr oder nicht wahr?
Immer wieder machen sich alte oder junge Spötter über diese
Geschichte lustig. Das ist kein Kunst: Eine Schlange, die sprechen kann. Adam
und Eva als die beiden ersten und einzigen Menschen. Ein Paradiesgarten wie ein
Schlaraffenland. Ein Gott, der am Nachmittag im schattigen Garten spazierengeht
wie ein gutmütiger Pensionist. Ein Gott, der am Ende den beiden Kleider aus
Fell bastelt, so wie ein Kind die Puppen in seiner Puppenstube anzieht.
Die Spötter übersehen, daß eine Geschichte gleichzeitig
uralt und doch hochaktuell sein kann. Vordergründig und oberflächlich
denkend kennen sie den Unterschied zwischen "wirklich" und "wahr"
nicht. Sie übersehen, daß eine Geschichte, auch wenn sie sich nicht
wirklich so zugetragen hat, doch zutiefst wahr sein kann.
Eine Geschichte von dir und mir
Und so erzählt auch diese Geschichte von Adam und Eva, von der
Schlange und von Gott tiefgründige Wahrheiten über den Menschen. Nicht
nur den damaligen, sondern auch den heutigen.
Adam ist hier kein Eigenname. Das hebräische "adam"
heißt Mensch. Und noch genauer: der von der Erde gemachte, der vergängliche.
Adam und Eva, das sind du und ich. Adam und Eva, das ist der Mensch allgemein,
der von Gott als Mann und Frau gedacht und geschaffen ist. Der Mensch mit seinen
männlichen und seinen weiblichen Anteilen und Charakterzügen. Und die
Schlage, das Tier mit der gespaltenen Zunge, das ist die innere Stimme der
Versuchung, die Stimme der Unzufriedenheit. Nichts Fremdes von außen, auf
das man bequem die Schuld schieben könnte, sondern der satte Mensch selbst,
der alles hat, und sich doch nicht zufrieden geben kann.
Vom Menschen, der seine Grenzen überschreitet
Und so erzählt die Geschichte zuallererst von dem Menschen, der
sich nicht zufrieden geben kann, und die Grenzen, die ihm gesetzt sind, überschreitet:
1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die
Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt
haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach das
Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset
nicht davon, rühret sie auch nicht an, daß ihr nicht sterbet!
Listig, hinterlistig und verführerisch sind die Einflüsterungen
der Unzufriedenheit. Warum soll es für dich Grenzen geben? Warum darfst du
nicht alles haben? Wer verbietet es dir? Gott hat dem Menschen in dieser alten
Geschichte eine Menge, ja fast alles geschenkt: Die Erde als Heimat, noch dazu
in einer Form, daß es für alle reichen könnte. Einen Partner
bzw. eine Partnerin. Herr darf er sein auf dieser Erde, doch in den Grenzen, die
Gott ihm gesetzt hat. Und diese Grenzen sind keine Gängelung, sondern
entspringen der Liebe und der Verantwortung des Schöpfers gegenüber
dem Geschöpf.
Doch der Mensch, der alles hat, möchte auch die letzte Grenze überschreiten.
Mißtrauen bestimmt ihn: Ist die letzte Grenze nicht doch nur eine Gängelung
Gottes? Wer weiß, was er uns eifersüchtig vorenthalten will? "Vom
Sündenfall", so wird diese Geschichte immer wieder überschrieben.
Sünde ist hier nicht der einmalige, einfache Ausrutscher des Adam und der
Eva. Sünde ist, daß der Mensch frei sein will. Frei sein von Gottes
Grenzen. Frei sein wie Gott. Frei sein von Gott. Sünde ist das Mißtrauen
des Geschöpfes, ob es der der Schöpfer wirklich gut mit ihm meine,
oder ihm gar vielleicht etwas vorenthalten will. Sünde ist Egoismus. Sünde
ist, seinen eigenen Vorteil suchen. Seine Grenzen überschreiten. Gott
spielen wollen. Leben, als gäbe es keinen Gott.
Was das praktisch heißt, muß ein jeder für sich selbst
und müßten wir miteiander im Gespräch durchbuchstabieren. Es
beginnt beim kleinen Mann, der fragt: "Sollte Gott wirklich gesagt haben:
Du sollst nicht stehlen? Muß man sich nicht listig gegen die Raubritter im
Finanzamt verteidigen?" Und es endet bei den Politikern, die Herr über
Leben und Tod spielen, und bei den Wissenschaftlern, die mutig die Kraft des
Atoms zähmen und die Geheimnisse der Gene restlos entschlüsseln
wollen. Letztlich nicht um der Neugier, sondern um der Macht willen.
Und dann entdeckt man auch das tiefgründige Geheimnis, weswegen
Gott den Menschen davor bewahren wollte: Der Mensch wird wirklich wie Gott, wenn
er seine Grenzen überschreitet: er wird grenzenlos. Der grenzenlose Gott
erweckt Ehrfurcht, der grenzenlose Mensch macht Angst.
Die Versuchung
4 Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes
sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure
Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse
ist. 6 Und das Weib sah, daß von dem Baum gut zu essen wäre und daß
er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.
Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war,
auch davon, und er aß.
"Und sie nahm von der Frucht." Ein Apfel soll es gewesen sein.
Das steht nicht hier. Vielleicht deswegen ein Apfel, weil es die typisch
deutsche Frucht ist. Die verführerische Frucht, die auch die böse
Stiefmutter dem Schneewittchen hinhält. Vielleicht auch, weil im
Lateinischen der Apfel und das Böse dasselbe Wort sind. Es heißt
immer wieder, der Mann komme hier besser weg. Die Frau habe sich verführen
lassen. Doch das ist rein äußerlich. Und überhaupt: Die Frau überlegt
noch hin und her, bevor sie zugreift. Der Mann ißt einfach. Das große
Wort führt er erst hinterher.
7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr,
daß sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten
sich Schurze. 8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als
der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor
dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der
HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte
dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich
mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du
nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon
essen? 12 Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem
Baum, und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zum Weibe: Warum hast du das
getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so daß ich aß.
Vom Menschen, der sich versteckt
In einem zweiten Schwerpunkt erzählt die Geschichte schonungslos,
wie der Mensch, der ertappt wird oder sich ertappt fühlt, reagiert: Erst
versteckt er sich scheinheilig: "Ich fürchtete mich, denn ich bin
nackt." Dann will er sich herausreden und die Schuld wegschieben: "Das
Weib gab mir von dem Baum." Und zu guter letzt ist Gott an allem schuld: "Das
Weib, das du mir zugesellt hast." Und genauso auch die Frau: "Die
Schlange betrog mich." Auf deutsch: Ja, lieber Gott, hättest du nicht
die Versuchung gemacht, wäre ich nicht darauf reingefallen.
Und auch hier müßte wieder jeder einzelne von uns
durchbuchstabieren, wo er sich selber ertappt fühlt und merkt, wie die
Beschreibung schonungslos auf ihn zutrifft. "Ich kann nichts dafür.
Das ist halt nun einmal die heutige Zeit. Man muß doch mit der Zeit gehen.
Man kann sich doch der Entwicklung nicht in den Weg stellen wollen." Und
doch fühlt man sich von Gott durchschaut, splitternackt vor dem Schöpfer,
vor dem man sich auch mit noch so großen Feigenblättern nicht
verstecken kann. Und eine Stimme fragt: "Adam, Mensch, wo bist du? Warum
versteckst du dich? Warum kannst du deinem Gott nicht in die Augen schauen?"
Wie es dann noch weitergeht
Stoff für eine ganze Reihe von Predigten gibt die Geschichte her,
wenn man einmal erkannt hat, daß sie von heute redet und von dir und mir.
Lesen Sie ganz einfach selber weiter, zu Hause. Ganz vorne in der Bibel, im
dritten Kapitel. Lesen Sie von dem Gott, der zwar nicht beide Augen zudrückt,
aber dennoch den Menschen, so wie er nun einmal ist, gnädig leben läßt.
Lesen Sie davon, warum sich Menschen oft so plagen müssen und warum das
Paradies verschlossen ist. Und hoffen Sie mit mir, daß der Mensch
wenigstens die Finger von der allerletzten Grenze läßt, die ihn
gottgleich machen würde. Denn ich will lieber in die Hand Gottes als in die
Hand des Menschen fallen.
Einer hat widerstanden
Schließen will ich mit dem Hinweis auf das Evangelium des heutigen
Sonntags, die Gegengeschichte zum Sündenfall. Jesus, der neue Adam, der
Adam des Neuen Testamentes, hält den Einflüsterungen der Schlange
stand. Es winkt ihm unendliche Macht. Und doch er läßt sich, obwohl
er doch Gott gleich war, nicht hinreißen, seine Grenzen zu überschreiten
und Gott gleich zu werden. Er möge uns in unseren Versuchungen beistehen.
Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, daß uns
hinfort nicht schade des bösen Feindes List. Amen |