Predigt |
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Das Gegenstück der
Pfingstgeschichte
Diese Geschichte ist keine Pfingstgeschichte. Sie ist eine
Antigeschichte, eine Gegengeschichte zur Pfingstgeschichte, die gestern erzählt
wurde. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel erzählt, wo es hinführt,
wenn Menschen sich nicht auf Gottes Geist, sondern allein auf ihren menschlichen
Geist verlassen. Der Turmbau von Babel erzählt vom Menschen, der von allen
guten Geistern verlassen ist, der geistvergessen und pfingstvergessen geworden
ist.
Pfingsten: Menschen verstehen sich
Bei der Pfingstpredigt des Petrus verstanden Menschen und verstanden
sich Menschen über die Grenzen der Nationen hinweg, obwohl sie nicht
dieselbe Sprache sprachen. Gottes Geist hebt die alte Sprachverwirrung wieder
auf. Glaube verbindet: über Ländergrenzen hinweg, über
Altersgrenzen hinweg, auch über verschiedene Prägungen und Erziehungen
hinweg: Wer einmal einen Kirchentag oder ein internationales christliches Fest
erlebt hat, der erlebt auch etwas von diesem Verstehen über alle Grenzen
hinweg.
[Im französischen Taizé, wo sich vor allem Jugendliche aus
allen Ländern treffen, bin ich noch nicht gewesen. Aber die von dort
berichten, berichten Ähnliches.]
Wenn Menschen sich nicht mehr verstehen
Wenn Menschen aber wie in der Turmbaugeschichte sich auf sich selbst und
auf die eigene Macht verlassen, dann verstehen sie sich bald nicht mehr und wenn
sie zehnmal dieselbe Sprache sprechen:
Über Jahrzehnte lebten Menschen auf dem Balkan friedlich
miteinander und nebeneinander. Es kümmerte sie nicht, welchem Volk der
Nachbar angehörte. Dann fingen die einen an, dem anderen nicht mehr die
Butter auf dem Brot zu gönnen. Und seitdem liegt Babel in Jugoslawien.
Babel ist überall
Babel ist überall. Ich kann die Geschichte des Turmbaus von Babel
nicht wörtlich verstehen, ich will sie vielmehr beim Wort nehmen: Nähme
man sie nur wörtlich, würde von Gott geredet wie von einem Menschen, über
den man schmunzeln kann. Aber Gott ist mehr und er ist anders. Und er wohnt auch
nicht nur oben.
Die Geschichte des Turmbaus von Babel ist eine Geschichte, die, beim
Wort genommen, auch von uns erzählt. "So war der Mensch schon immer",
sagt der alttestamentliche Erzähler seinen Zuhörern, "und so ist
er auch heute noch". Und wir könnten nach 3000 Jahren hinzufügen:
Jawohl, er hat sich nicht geändert, nur seine stolzen Möglichkeiten
sind noch mehr in den Himmel gewachsen.
Eine historische Bauruine
2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande
Schinar und wohnten daselbst. Die Geschichte vom Turmbau erzählt zwar
keine historische Begebenheit, aber sie erinnert an ein historisches Ereignis:
Die Ebene Schinar, das ist das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris im
heutigen Irak. Das damalige Babylonien mit Babel als Stadt. Dort begann 1200 vor
Christus Nebukadnezar I. eine riesige Stufenpyramide, die nie fertig wurde. Er
wollte sich einen Namen machen und sich die Verbindung zu den Göttern
sichern. Die langsam verfallende Ruine wurde von den nachfolgenden Generationen
als ein Beispiel von Großmannssucht belächelt. So wie heute noch
manche Brücke verlassen in der Landschaft steht, aber die dazugehörige
Straße kam nie.
Sich verstehen Das ist das Paradies
Was erzählt die alte Geschichte, beim Wort genommen, uns heute:
1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
Hätten die Menschen Gott nicht ins Handwerk gepfuscht, so sagt der
alttestamentliche Erzähler, wäre es nicht so weit gekommen: Gott hatte
die Welt und die Menschen so gedacht, daß sie sich verstehen. Das ist das
Paradies: Wenn Menschen sich verstehen. Das Paradies ist verloren.
Den Fortschritt verteufeln?
3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel
streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel
4 und sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen
Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir
werden sonst zerstreut in alle Länder.
Vom technischen Fortschritt wird erzählt und wie er den Menschen
verführt. Eine neue Technik des Bauens wurde im Zweistromland möglich:
Mit Natursteinen und Mörtel konnte man nur begrenzte Höhen erreichen.
Mit gebrannten Ziegeln und Asphalt aber entstanden auf einmal kleine
Wolkenkratzer. Ich verstehe das nicht als Warnung vor dem technischen
Fortschritt. Der ist erst einmal von Gott gewollt. Der Mensch soll und darf sich
die Erde untertan machen. Dazu hat er seinen Verstand bekommen.
Doch wenn er werden will wie Gott, ... wenn er seine Grenzen überschreitet,
... wenn er sich einen Namen machen will, ... wenn er meint, seine Bäume
könnten in den Himmel wachsen ...
Ein Turm, der bis an den Himmel reicht. Der Turm selbst ist nicht das
Problem. Gott wohnt nicht oben im Himmel. Kein noch so hoher Turm erreicht ihn,
so wie ihn auch der erste Raumfahrer Juri Gagarin dort oben nicht fand. Der Turm
ist Bild dafür, daß Menschen in den Bereich Gottes vorstoßen
wollen. Daß sie sich Dinge anmaßen, die Gott vorbehalten sind.
Darf man alles, was man kann?
5 Da fuhr der HERR hernieder, daß er sähe die Stadt und
den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist
einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang
ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem,
was sie sich vorgenommen haben zu tun.
Darf man alles machen, was man machen kann, so fragt der Erzähler.
Kann sich, darf sich Gott der Schöpfer damit zufrieden geben, wenn der
Mensch in sein Ressort eingreifen und selber Schöpfer spielen will? Darf
man heute alles machen, was man kann? In der Gentechnik, bei der Erfindung von
Waffen, in der Raumfahrt, bei den Verkehrsprojekten?
Da schaut und steigt Gott von seinem Himmel herab. Auch das ist nicht wörtlich
gemeint. Der Erzähler hat nur Spott für die Menschen übrig: Sie
wollen bis an den Himmel, aber Gott ist doch unendlich viel weiter oben. Gott läßt
die Träume nicht in den Himmel wachsen und holt die Menschen wieder auf den
Boden der Tatsachen zurück.
Die Geister, die er rief ...
Das ist hier fast so beschrieben, als wäre Gott eifersüchtig
auf die Möglichkeiten der Menschen. Nein, Gott will im Guten den Menschen
davor bewahren, in Bereiche vorzustoßen, die er nicht beherrschen kann. Er
will ihn davor bewahren, daß ihn die Geister, die er ruft, beherrschen. Er
will ihn bewahren, ein Monster zu werden. Denn Menschen, die keine Grenzen mehr
haben, werden Monster.
Die Grenzen des Wachstums
Könnte es sein, daß Gott seit einiger Zeit schon dem
menschlichen Gigantismus bewußt Grenzen setzt: Die Straßen können
den Verkehr nicht mehr fassen. Die zugebauten Böden können das Wasser
nicht mehr fassen. Der Körper wehrt sich mit Allergien gegen all das, was
ihm in der Nahrung und in der Luft zugemutet wird. Die waffennarrische
amerikanische Gesellschaft erschrickt, wohin das führt. Ihre Weltraumfahrt
erlebt einen Mißerfolg nach dem anderen. Und die moderne Waffentechnik
trifft zunehmend und fortlaufend die falschen Ziele. Wo gehobelt wird, fallen
halt auch Späne.
Was ist das für eine Menschheit, die zwar den Mars erobern und alle
menschlichen Erbanlagen entschlüsseln will, die aber in einem begrenzten
kleinen Bereich keinen Frieden halten oder schaffen kann? [Und auch im Kleinen
gilt das: Ich habe mehrere Menschen in der Saas vor Augen, bei der die Frage
zumindest erlaubt ist, ob sie nicht durch ihre Grenzenlosigkeit beim Rauchen
oder Trinken dort gelandet sind, wo sie nun stehen. Auch da ist Babel.]
Der Turmbau und die Pfingstgeschichte
Schonungslos deckt die Turmbaugeschichte den Menschen, seine
Grenzenlosigkeit und seine Großmannssucht auf. Sie ist eine sehr nüchterne
Geschichte. Doch gäbe es nur diese Geschichte, wir müßten
resignieren oder Angst bekommen vor uns selbst und unseren künftigen Möglichkeiten.
Gott seid Dank, gibt es die Pfingstgeschichte. Gott sei Dank gibt es die
Erfahrung, daß im Vertrauen auf Gottes Geist Sprachlosigkeit überwunden
werden kann und Gottes gute Grenzen wieder entdeckt werden.
In Nordirland sind es vor allem die Christen gewesen, die bei der
ermutigenden Entwicklung der letzten Jahre mitgeholfen haben. Und doch sind noch
nicht alle Gräben zwischen Protestanten und Katholiken überwunden. Ich
hoffe, daß es in Jugoslawien nach der Beendigung des Krieges nicht ebenso
lange dauern wird. Aber noch andere Pfingstwünsche habe ich:
Denen, die in unserem Land für den medizinischen und den
technischen Fortschritt verantwortlich sind, wünsche ich, daß sie
sich dabei nicht nur von der eigenen Intelligenz, sondern auch von Gottes Geist
leiten lassen und ihre Grenzen erkennen.
Denen, die große Verkehrsprojekte, z.B. durch den Thüringer
Wald beginnen, wünsche ich, daß sie von Gottes geleitet vorher gut
rechnen, damit nicht einmal Ruinen ihrer Großmannssucht in der Landschaft
stehen bleiben.
Uns allen als Verbrauchern wünsche ich, daß wir nicht alles
annehmen und fressen, was man uns vorsetzt. Daß wir vom Heiligen Geist
geleitete mündige Bürger und Verbraucher werden: mit einer gesunden
Scheu vor noch weiteren hundert Fernsehprogrammen, die doch nur die
Sprachlosigkeit vergrößern, mit einer gesunden Scheu vor geänderten
Lebensmitteln ...
Dem neuen Bundespräsidenten, der ein aus dem evangelischen Glauben
lebender Politiker und Christ ist, wünsche ich, daß er vom Heiligen
Geist geleitet seinem Motto treu bleiben kann, Gesellschaft weiter zu versöhnen
und Spaltungen zu überwinden.
Uns allen als Christen wünsche ich, daß wir mit Hilfe des
Heiligen Geistes die babylonische Sprachverwirrung angehen und einander wieder
verstehen. Das war einmal das Paradies: Einander zuhören. Verstehen, was
der andere will. Auch die leisen Töne hören. Auch das Unausgesprochene
vernehmen. Niemanden überhören, vor allem den Einsamen nicht, auch
nicht den stummen Schrei des Verzweifelten. Komm, Heiliger Geist. Amen
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