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Die Kirchweihpredigt vom 4. Juli 1999: »Die Kirche ist nicht tot!«


Kirchenjahr

Evang. Kirchenjahr: Überblick
Evang. Kirchenjahr: Hinweise

Die evangelische Kirche beging am Sonntag den 5. Sonntag nach Trinitatis. In der Auferstehungskirche wurde die Kirchweihe begangen. Der zugehörige Predigttext war das Gleichnis Jesu vom Senfkorn aus dem Markusevangelium Kapitel 4, Vers 30-32:

Predigttext

Sie können Texte auch online in der Lutherbibel nachlesen.
(Weitere Bibellinks finden Sie unter Glaube und Leben
.)

30 Jesus sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? 31 Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so daß die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

Predigt

Das Senfkorn

Ein Senfkorn habe ich Ihnen zu Beginn des Gottesdienstes geben lassen. Ein kleines unscheinbares Korn. Zu klein fast für manchen, dessen Finger das grobe Arbeiten gewohnt sind. Vielleicht hatten Sie Probleme damit, wo sie es nun hintun sollen. Vielleicht liegt es auch schon irgendwo auf dem Boden. Macht nichts! Es würde doch nur die Winzigkeit und Unscheinbarkeit unterstreichen.

Und doch – wie das bei allen Samenkörnern der Fall ist – wird einmal etwas großes daraus, wenn man es einpflanzt. Der Unterschied zwischen dem winzigen Beginn und dem großen Ende ist das Ausschlaggebende.

Jesus und das Senfkorn

Deswegen hat Jesus damals bei einer seiner Predigten den Menschen ein Senfkorn hingehalten. Es war in seiner Zeit ein sprichwörtlich kleines Samenkorn mit einem oft überraschenden Ergebnis: Eine Größe von bis zu drei Metern, wie ein kleiner Baum, kann eine Senfstaude am See Genezareth erreichen.

Das Senfkorn und die Gottesherrschaft

Das Senfkorn war für Jesus ein Bild für die Gottesherrschaft. Gottesherrschaft, Reich Gottes, das ist dort, wo Menschen Gott ihren Herrn sein lassen. Im Großen am Ende der Zeiten, im Kleinen, wenn in einer Gemeinde oder bei einem Menschen Gott der Herr sein darf. Gottesherrschaft ist da, wo man sich auf ihn verläßt und wo man sich nach seinem Willen richtet.

30 Jesus sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? 31 Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so daß die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

"Die Gottesherrschaft ist nahe. Gottes Kommen steht nahe bevor." Mit dieser Predigt begann Jesus seine öffentliche Wirksamkeit. Die Hörer und er wohl auch verstanden darunter die weithin sichtbare Gottesherrschaft am Ende der Zeiten: Wenn dem Tod und der Krankheit die Macht genommen sind. Wenn kein Reicher mehr einen Armen unterdrückt. Wenn die Menschen frei sein werden.

Glauben gegen den Augenschein

Diese Gottesherrschaft, so sagt Jesus, beginnt klein wie ein Senfkorn. Und er lädt damit ein, gegen den äußeren Augenschein an Gott und seine Gerechtigkeit zu glauben. Er lädt ein, sich nicht von kleinen Anfängen entmutigen lassen. Dazu hatte er Grund: Sowohl seine Anhänger als auch seine Gegner fragten nach der Erfüllung seiner Worte, fragten nach Gerechtigkeit, wußten nicht mehr, ob sie seinen Worten Glauben schenken konnten:

Sicher, Bartimäus, der Blinde aus Jericho, war wieder sehend geworden. Aber viele Tausend andere blieben blind. Lazarus war lebendig geworden. Aber viele Tausend andere starben, und Lazarus zuletzt auch. Zachäus, der Zöllner, war auf den rechten Weg zurückgekehrt, aber Hunderte seiner Berufskollegen blieben auf dem Weg der Ausbeutung. Der Hauptmann von Kapernaum war gläubig geworden, doch Hunderte anderer Soldaten kosteten weiterhin ihre Macht aus.

Die Gottesherrschaft heute

30 Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen? 31 Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so daß die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

Reich Gottes, Herrschaft Gottes, das ist auch hier und heute in Kirchen und einzelnen Gemeinden: Wo Gott die Ehre gegeben wird, wo Menschen Gott ihren Herrn sein lassen. Und gewiß, das sieht in einer Gemeinde vor Ort auch immer wieder mickrig aus: Die Gottesdienstbesucher könnten immer auch mehr sein. Die Veranstaltungen fröhlicher. Die Christen überzeugender. Der Heilige Geist spürbarer.

Gegen die Miesmacher

Es gibt sie weiterhin, die Miesmacher und Kleingläubigen von damals, die nur auf den kleinen Anfang starren. Es gibt sie als Pessimisten in den eigenen Reihen. Und es gibt sie als schadenfrohe Kritiker von außen. Bei sich selber entdecken sie blühende Senfstauden, bei anderen nur vertrocknete Körnchen, in den kein Leben ist.

Das sog. "Christliche Centrum Rhema", das draußen im Industriegelände beheimatet ist, macht in den letzten Wochen verstärkt Werbung für sich. Es ist eine Gemeinschaft, die keinerlei ökumenischen Kontakt zu den anderen Gemeinden in der Stadt sucht. Ihrer Meinung nach ist der Heilige Geist aus den großen Kirchen, auch aus der Evangelischen, und ihren Gottesdiensten bereits ausgewandert. Den Bayreuther "Wächtern der Kirchen" – ich schätze mal, da sind auch die Pfarrer gemeint – wird z.B. vorgeworfen, daß auf ihren Druck hin Berichte in den Zeitungen zensiert werden, daß sie unglücklich und verbittert sind, daß ihr Gewissen abgestumpft ist, daß sie nur noch Interesse am Geld haben, z.B. an den Erbschaften der Kirchenmitglieder. – Bei ihnen selbst aber sei Wachstum. Sie würden sprießen wie die Pilze.

Fernsehpfarrer Jürgen Fliege

Ich habe auch so meine Probleme mit dem Fernsehpfarrer Jürgen Fliege. Es ist gut, daß durch ihn christliche Fragen in die Medien kommen. Doch was in den Gemeinden geschieht, macht er allzu oft so klein, daß er sich dem Mißverständnis aussetzt, er wolle daran selber nur wachsen. Natürlich legt er seine Finger in die heutigen Wunden der Kirche. Ich nehme ihm auch ab, daß ihm beim Kritisieren das Reich Gottes am Herzen liegt. Aber ich protestiere gegen seine Einseitigkeit, so als hätte man überall nur ein vertrocknetes und totes Senfkorn in der Hand:

Oder mit den Zitat aus einem Leserbrief: "Bloss wünsche ich mir, dass er (d.i. Fliege) sich selbst die versteckten Denunziationen gegen seine Kolleginnen und Kollegen, die im Alltagsgeschäft ... oft Knochenarbeit tun, verbieten würde."
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr. 27 Seite 21

Es stimmt nicht, daß man ihm Fragen stellt, die anderen Pfarrern heute schon gar nicht mehr gestellt werden. Es stimmt nicht, daß über das Kreuz Jesu immer nur so geredet würde, daß man das als "schwarze Pädagogik" bezeichnen kann.
(ebenda Nr. 26)

Es stimmt nicht, daß die Pfarrer unserer Kirchen keine Erfahrung mehr mit Liebe und Tod hätten. (ebd.)

Es stimmt nicht, daß Menschen immer nur belehrt und nicht wirklich im Leben begleitet würden.
(Sonntagsblatt Bayern Pfingsten 1998)

Es stimmt nicht, daß in den Kirchen heute nicht mehr gepredigt, sondern nur vorgelesen würde. Und von mir aus soll er Menschen nach Tutzing in sein Institut einladen, um es ihnen beizubringen.

Es stimmt nicht, daß Gottesdienste immer nur eine Sache des Kopfes und nicht des Herzens wären. Es stimmt oft, sicher, aber es stimmt nicht pauschal. Wir erleben das auch bei uns immer wieder. Und wir wollen es auch nächste Woche beim Familiengottesdienst wieder erleben.

Die Gemeinde mit liebenden Augen ansehen

Gegen allen Pessimismus von außen und innen lade ich zum Kirchweihfest ein, Zeichen des Reiches Gottes auch in unserer Gemeinde zu entdecken. Ich lade ein, die Gemeinde mit liebenden Augen ansehen. Ohne Schwärmerei, wie es manchmal Liebende tun. Auch ohne Blauäugigkeit. Aber mit liebenden Augen, die das entdecken, was es gibt. Ich will Ihnen Beispiele sagen:

Bis zum heutigen Zeitpunkt haben wir für das Jahr 1999 drei Eintritte bei einem Austritt zu verzeichnen. Gewiß, das Bild ist eine Ausnahme und kann sich bis zum Jahresende noch ändern. Aber das Senfkorn lebt.

Wissen Sie, was jetzt passieren würde, wenn wir in einer Gemeinde von Schwarzen wären? "Halleluja" würden Menschen mitten in die Predigt hinein rufen und vielleicht dazu auch klatschen.

Am Freitag hat Vikar Aschoff mit einer neuen Jugendgruppe begonnen. Es sind zwar erst vier Jugendliche. Aber wir sind der festen Überzeugung, daß es mehr werden.

Oder wissen Sie, daß sich Sonntag für Sonntag 15-20 Kinder drüben im Gemeindehaus zum Kindergottesdienst versammeln. Wissen Sie, daß es dafür sechs engagierte, v.a. jugendliche Helferinnen gibt?

Oder haben Sie miterlebt, daß sich beim Waldgottesdienst am vergangenen Sonntag fast 300 aufmerksame Menschen versammelt hatten? So viele, daß die Weißwürste ausgegangen sind. (Wenn uns das anschließend nach dem Gottesdienst passieren würde, wären wir auch nicht unglücklich.)

30 Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen? 31 Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so daß die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

Das Senfkorn lebt

Reden Sie untereinander und auch in der Öffentlichkeit gut von Ihrer Gemeinde. Denn – bei allem, was zu Recht zu kritisieren ist – das Senfkorn lebt. Immer wieder ist die Gemeinde auch ein Ort, wo man wie unter den Zweigen eines großen Baumes geborgen sein kann. Ein Ort, wo die Vögel Schatten finden können. Vielfältige und farbige, und ruhig auch schräge Vögel.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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Michael Thein Pfarrer Kaulbachstraße 2b 95447 Bayreuth Tel. 0921-65378 Fax 03222-2426857

mic.thein@t-online.de www.michael-thein.de