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Die Predigt vom 5. September 1999: »Wer faßt schon gerne einen Kranken an«


Kirchenjahr

Evang. Kirchenjahr: Überblick
Evang. Kirchenjahr: Hinweise

Die evangelische Kirche beging am Sonntag den 14. Sonntag nach Trinitatis. Thema ist vom Evangelium her die Dankbarkeit für die eigene Gesundheit. Die Epistel spricht vom Angetriebensein durch den Heiligen Geist. Predigttext war die Erzählung von der Heilung eines Aussätzigen durch Jesus im Markusevangelium Kapitel 1:

Predigttext

Sie können Texte auch online in der Lutherbibel nachlesen.
(Weitere Bibellinks finden Sie unter Glaube und Leben
.)

40 Es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. 41 Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! 42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. 43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich 44 und sprach zu ihm: Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. 45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so daß Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Predigt

Dem Kranken nicht aus dem Weg gehen

Wenn in der kommenden Woche ein paar Kranke mehr besucht würden als vorher, dann wären wir als Gemeinde miteinander auf einem guten Weg. So verstehe ich den heutigen Predigttext: Als eine Aufforderung, Begegnungen mit Kranken nicht aus dem Weg zu gehen, denn Begegnungen können heilen.

40 Es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. 41 Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! 42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. 43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich 44 und sprach zu ihm: Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. 45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so daß Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Die Situation eines Aussätzigen

Aussatz - hinter diesem Wort verbargen sich damals auf Anhieb: Angst, Tod, Ausgestoßensein, Ekel und die heimliche Frage nach der Schuld. Aussatz - die AIDS-Krankheit zur Zeit Jesu. Aussatz, damit beschreibt das Alte Testament verschiedene Geschwüre und Hautkrankheiten, unter anderem auch die sog. Lepra. Aussatz war entgegen allgemeiner Meinung nicht immer ein Todesurteil. Ärztlich behandelt wurde zwar nicht, doch Aussatz konnte alleine wieder ver¬ gehen. Ein Priester am Tempel hatte dann zur Sicherheit die Heilung zu bestätigen, und der Betreffende brachte ein Dankopfer dar.

Isolation ist schlimmer als Krankheit

Wenn die Aussätzigen zu den Armseligsten der damaligen Zeit gehörten, dann weniger wegen der Folgen ihrer Krankheit, sondern weil man sie ausstieß, weil man sie aus der Gesellschaft verbannte. Und das geschah nicht nur wegen der Ansteckung, sondern weil man in einem Aussätzigen auch einen von Gott Gestraften sah. Das heilige Gottesvolk aber sollte nach dem Willen der Frommen ein Volk reiner Menschen sein, rein in einem religiösen Sinn.

Und weil auch unrein wurde, wer einen Aussätzigen anfaßte, mußten die Aussätzigen den Kontakt mit anderen meiden. Sie mußten erkennbar sein: Sie mußten zerrissene Kleider tragen. Sie mußten aufgelöstes Haar haben. Sie mußten, wenn jemand entgegen kam, zur Warnung "Unrein, unrein" rufen. Ein totales Ausgestoßensein also, ein gesellschaftliches und ein religiöses.

Unsere Berührungsängste

Wie steht's: Würden Sie einem AIDS-Kranken so ohne weiteres die Hand geben? Würden Sie einen Körperbehinderten so ohne weiteres in den Arm nehmen? Würden Sie einen pflegebedürftigen alten Menschen so ohne weiteres betten und wickeln? In wem steckt dieser innere Schweinehund nicht, es sei denn, er hätte beruflich mit Kranken zu tun? Wer macht schon gerne Krankenbesuche? Wer geht schon gerne als Besucher ins Pflegeheim? Wenn es irgend geht, meidet man die Begegnung und die Berührung. Gott sei Dank: Wenn man dann in der eigenen Familie damit konfrontiert wird, gibt Gott mit der anstehenden Aufgabe meist auch die nötige Kraft, mit der man zuvor nie gerechnet hatte.

Der Schrei nach Zuwendung

Auch dem Aussätzigen in der biblische Geschichte hat man beigebracht, daß er sich in sein Schicksal zu fügen und jeden Kontakt zu meiden hat. Doch der Glaube und der letzte Funken Hoffnung lassen ihn alle Schranken durchbrechen. Er fällt vor Jesus in die Knie. "Willst du, so kannst du mich reinigen." Wie weit muß ein Kranker sein, wenn er die Schranke durchbricht und nach Zuwendung und Hilfe schreit? Leidet man sonst nicht eher still vor sich hin und wartet doch heimlich und sehnsüchtig darauf, daß sich einer um einen kümmert? Bei Besuchen anläßlich eines Trauerfalls höre ich oft anerkennend: Sie hat ihr Leiden geduldig ertragen und nie gejammert. Ich nicke dann meistens zustimmend, weil das Trauergespräch ein schlechter Ort für Diskussionen ist. Vielleicht hätte die Kranke oder Sterbende doch gerne geredet und ihr Herz ausgeschüttet, wenn sie nicht das Gefühl gehabt hätte: Die anderen wollen es ja gar nicht hören. Sie wollen lieber in Ruhe gelassen werden.

Der Ruf nach der Sterbehilfe

Die mit der Materie befaßt sind, sagen eindeutig: Der Ruf nach der sog. Sterbehilfe, der Ruf nach der erlösenden Spritze sei überhaupt nicht der Ruf nach dem Tod, sondern vielmehr der letzte, verzweifelte Schrei nach menschlicher Zuwendung. Und sie sagen auch: Der, der solche Zuwendung und auch Schmerzlinderung erfährt, rufe dann gar nicht mehr nach dem Tod.

Vor dem Kranken nicht davonlaufen

"Es jammerte ihn." heißt es in der Geschichte von Jesus, als der Aussätzige vor ihm auf die Knie fällt. Da ist das griechische Wort eher zu flach übersetzt. Es geht ihm bis in die Eingeweide, heißt es wörtlich. Wir würden in unserem Sprachgebrauch sagen, es geht ihm ans Herz, es geht ihm an die Nieren. Vielleicht erfaßt Jesus auch eine Art heiliger Zorn: Zorn über die Krankheit. Zorn vielleicht mehr über die scheinheilige Gesellschaft, die die Kranken ausstieß.

Darüber sollten wir aber nicht vergessen, daß diese Begegnung mit dem Aussätzigen auch für Jesus eine Zumutung war. Er war ganz Mensch, aufgewachsen in seinem Land und zu seiner Zeit. Er hat sich sicher nicht nach dieser Begegnung gedrängt. Auch er muß eine religiöse Schranke durchbrechen, wenn er, der Rabbi, einen Ausgestoßenen anrührt und sich dadurch selbst unrein macht. Und neben der religiösen Schranke muß er muß wohl auch eine ganz persönliche Schranke überwinden, seinen Ekel und seine Angst zurückstellen. Aber er tut es, streckt seine Hand aus und faßt den Mann an.

Heilung durch Berührung?

Wie lange mag diesen Mann schon niemand mehr angerührt haben! Wie lange hat er vielleicht innerlich schon auf eine menschliche Geste gewartet? Alle sind sie ihm bisher aus dem Weg gegangen und haben ihn sein Ausgestoßensein spüren lassen. Die Frommen, weil sie den Umgang mit dem Sünder meiden wollten, die anderen, weil sie sich das Leid und den Ekel vom Hals halten wollten. Wenn es stimmt, daß Leben darin besteht, Beziehungen zu anderen Menschen zu haben, Kontakt zu haben, dann war er jahrelang ein lebendiger Toter.

Von den lebendig Toten

Solche lebendig Tote auch in unserer Nachbarschaft blühen oft alleine schon dadurch auf, daß man sie einmal reden läßt, daß man ihnen echt zuhört, ohne gleich von den eigenen Sorgen anzufangen oder das Gespräch geschickt auf ein anderes Thema zu bringen. Wie viele Kranke und Alte in unserer Nachbarschaft leiden weniger darunter, daß sie alt und krank sind, als darunter, daß man ihnen aus dem Weg geht; daß so wenige ihre Scheu, ihre Angst, ihren Ekel überwinden und einmal eine Hand oder ein Ohr übrig haben. Das würde sie gewiß nicht gesund und auch nicht wieder jünger machen, aber es würde ihnen vielleicht das Leben und die Würde zurückgeben.

Heilung als Möglichkeit

Die Geschichte mit dem Aussätzigen könnte damit eigentlich schon zu Ende sein. Das größere Wunder ist nicht so sehr, daß er gesund wird, sondern daß diese Schranke zu ihm abgebrochen und seine Isolation aufgehoben wird. Aber auch das Unerwartete geschieht: er wird von seinem Aussatz heil. Es hat keinen Sinn, zu spekulieren, wie das vor sich ging. Die Bibel sagt, daß in Jesus Gott, der Schöpfer, selbst wirkt. Deshalb geht die Frage, wie Jesus das kann und wie er es gemacht hat, in die verkehrte Richtung. Auch Jesus versucht, dem aus dem Weg zu gehen, indem er dem Kranken verbietet, davon zu erzählen. Er möchte nicht einseitig als Wunderdoktor angesehen und verkündigt werden. Gott, der Schöpfer, wirkt, doch er entzieht sich leider unseren Erklärungen und mutet uns zu, damit leben, daß der eine gesund wird und der andere krank bleibt.

Der Platz der Kranken ist in der Gemeinde

Doch wenn ich den Aussätzigen richtig verstanden habe, ist das gar nicht so sehr sein Problem. Hauptsache, er wird als Mensch ernst genommen und seine Not kommt vor Gottes Ohr. Krankheit soll nach der Bibel nicht totgeschwiegen, sondern vor Gott gebracht werden. Ja noch mehr: Kranke sollen vor Gott gebracht werden. Wo rufen Kranke nach geistlichem Beistand? Wo rufen Angehörige, wenn die Kranken oder Sterbenden es nicht mehr selbst können? Wo suchen Kranke und Behinderte die Nähe Gottes und seiner Gemeinde im Gottesdienst? Und: Wären wir überhaupt darauf vorbereitet? Und doch: Der Platz der Kranken ist nicht außerhalb der Gemeinde, so wie damals. Der Platz der Kranken ist in der Gemeinde. Wir sollen die Kranken – persönlich oder in der Fürbitte – vor Gott bringen ohne Angst vor Enttäuschung. Wir sollen sie vor Gott bringen mit den Worten des Aussätzigen: "Wir wissen nicht, ob du diesem Menschen helfen willst, aber wir bringen ihn. Dein Wille geschehe."

Gottesdienste mit Segnung und Salbung

Gottesdienste mit Segnung und Salbung werden seit drei Jahren in Bayreuth angeboten. Lassen Sie mich zum Abschluß erzählen, wo das her kommt:

In anderen christlichen Kirchen, z.B. der anglikanischen sind Gottesdienste mit Kranken gang und gäbe. Sie werden in den Gottesdienst eingeladen, besonders in den Abendmahlsgottesdienst oder spezielle Heilungsgottesdienste. Sie werden mit ihren Betten und Rollstühlen gebracht. Man betet für sie, legt ihnen die Hände auf, reicht ihnen das Hl. Abendmahl. Man rechnet fest mit Gottes Macht. Doch was er mit einem Menschen vor hat, das überläßt man ihm ganz allein. Manchmal, ja nur manchmal werden Menschen auch gesund, bei denen ärztliche Hilfe vergebens war. Viele aber verspüren Linderung. Doch wenn ein Mensch nicht gesund wird, dann ist das kein Versagen von Menschen, die vielleicht nicht richtig oder nicht genügend gebetet hätten oder deren Glaube nicht groß genug wäre. Gott selbst ist und bleibt der Herr. Aber wie auch immer: Menschen erfahren, daß sie nicht ausgestoßen sind. Sie erfahren, daß die Gemeinde sie nicht aufgibt. Sie erfahren dadurch, daß sie Gott am Herzen liegen.

Und das zweite Beispiel: In vielen Krankenhäusern der Schweiz ist es üblich, vor einer Operation dem Patienten und seiner Familie eine Andacht anzubieten. Auch die Ärzte, die den Eingriff durchführen sind dabei. Man bittet Gott um das Gelingen ihres Tuns. Angst und Unsicherheit dürfen ausgesprochen werden. Man feiert mit dem Kranken das Abendmahl. Man sagt ganz nüchtern: Gelingt die Operation, ist es gut. Ob es die Ärzte gewesen sind, oder Gottes Hilfe, oder beides zusammen? Was soll's? Und: Ist keine Rettung mehr möglich und die Operation vergebens, wie könnte man als Familie besser Abschied nehmen von einem Menschen, als im Angesicht Gottes mit einem Abendmahl und gegenseitiger Vergebung?

Von dieser christlichen Nüchternheit, die keine Angst vor dem „Mißerfolg“ hat, wünsche ich uns mehr.

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Michael Thein Pfarrer Kaulbachstraße 2b 95447 Bayreuth Tel. 0921-65378 Fax 03222-2426857

mic.thein@t-online.de www.michael-thein.de